Ludwig Tieck
Ludwig Tieck (1773 - 1853)

Ludwig Tieck
Der gestiefelte Kater &
Prinz Zerbino
Romantische Komödie 1797 /
Romantisches Lustspiel 1799

Titelcover von Pia Worm
Herausgegeben und bearbeitet, mit
einem Nachwort von Claudia Noth

2003, Paperback, 192 Seiten, € 24,50
ISBN: 978-3-935333-06-1

Ludwig Tieck, der "König der Romantik", entfacht ein Feuerwerk von Witz, Satire und romantischer Ironie in seinen Theaterstücken "Der gestiefelte Kater" und "Prinz Zerbino" und parodiert den platt aufklärerischen Zeitgeist, den sentimental bürgerlichen Kunstgeschmack, die politisch gesellschaftliche Unreife seiner Zeitgenossen.

Leseprobe:

Zerbino: Was ist die Dummheit?
Hanswurst: Ein Wesen, das allenthalben und nirgends wohnt, weil, wenn die Nachfrage umgeht, jeder Wirt diesen Mietsmann verleugnet. In der Putzstube wird er gepflegt und gehätschelt, in den Armen des Richters, des Fürsten, des Ministers, des Schulmeisters, des Tabakrauchers liegt er wie Johannes zärtlich am Herzen und keiner ließe ihn sich nehmen, eher das Leben. Mit Bändern wird er aufgeputzt, in Saffian eingebunden und in die Bibliotheken gestellt, für die Geliebte, oft für den Sohn ausgegeben, selten oder nie gegen den Verstand ausgetauscht.
Zerbino: Warum verleugnet aber jeder diesen Mietsmann, wie du ihn nennst?
Hanswurst: Die Ursach ist ganz simpel folgende. Als die Erde fertig war, sagten die Engel untereinander: Aber, lieber Himmel, was soll nun das arme Menschengeschlecht anfangen? Da es sterben muß, wird es sich ewig vor dem Tode fürchten, da Krankheiten, Plagen und Schmerzen tausend offne Tore am Körper finden, werden sie keine Minute ruhig sein, nun haben sie gar vom Baum der Erkenntnisse genascht, die Augen sind ihnen so sehr aufgegangen, daß sie ihnen übergingen, sie haben die unglückselige Vernunft erwischt, sind aus dem Paradiese gejagt und laufen nun in ihren Pelzen hin und her und wissen nicht, wie sie sich die Zeit vertreiben sollen, dieselbe Zeit, die sie gerne festhalten möchten, um spät und immer später dem unvermeidlichen Grabe überliefert zu werden. - Da die Engel sich so unterredeten und alles überlegten, fingen die meisten vor Mitleid an zu weinen. Einer unter ihnen, der der weichherzigste war, fiel endlich auf ein Mittel.
Zerbino: Ich bin neugierig.
Hanswurst: Im Paradiese lag eine Art von Küchengarten hinter dem eigentlichen Park, der bloß für die Tiere angelegt war. Denn hier wuchs unter andern Kräutern auf mancherlei Art die Dummheit, die diese unschuldigen Erdbürger so liebenswürdig macht. Hierher verfügte sich der Engel mit seiner Frau, denn alles stand in der schönsten Blüte; sie sammelten die Frucht, die wie Baumwolle wuchs, und drehten sie zu einer niedlichen Puppe zusammen. Diese nahm der gutherzige Engel unter seinen Mantel und ging damit zu den Menschen. Sie saßen gerade bei Tische und erzählten sich bei der Suppe ihren kläglichen Fall. Seid ruhig, rief der Engel aus, denn ich bringe hier Euren Trost. Was Ihr gegessen habt, war ein Apfel, der Baumflecke hatte, und darum seid Ihr dumm geworden und haltet das in der Verblendung für Euren Verstand. Seht, hier bring' ich Euch den wahren Verstand, die tugendreiche Weisheit, indem er den Wulst mit Feierlichkeit hervor nahm, hebt den Schatz gut auf, denn nur dadurch seid Ihr die edelste Kreatur auf Erden. Glaubt alles, was dieser Prophet Euch sagen wird. - Die Wirkung des Geschenks äußerte sich bald, denn die Menschen glaubten dem Engel. - Hütet Euch, fuhr der himmlische Gesandtschafter fort, daß Ihr Euch diese vortreffliche Baumwolle nicht wieder ablocken laßt, denn unter allerhand Gestalten werden Spione herumgehn, besonders wird man den Kniff gebrauchen und Euch weiß machen wollen, dies Wesen sei die Dummheit; aber glaubt keinem, der umgeht und nach der Dummheit fragt, denn er sucht nur die Weisheit. - Der Engel ging fort. - Und daher kommen die seltsamen Antworten, wenn man in aller Unschuld einen guten Freund fragt: Freund, wohnt hier nicht die Dummheit? - Sogleich ertönt es: Herr, für wen seht Ihr mich an? Wollt Ihr einen Esel aus mir machen? - Ihr mögt wohl selbst dumm sein. - Und auf die Art ist die sonst unbegreifliche Verleugnung entstanden.

© glotzi Verlag, Bensheim an der Bergstraße

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