Titelcover von Karl Hubbuch "Aufmarsch" von 1932/33
Hrsg. v. Claudia Noth mit Anhang
Vorwort von Lothar Glotzbach
2002, Paperback, 285 Seiten, € 28,00
ISBN: 978-3-935333-02-3
Leseprobe
Dies Buch schildert die Entwicklung, Einstellung und Haltung der jungen Deutschen, die jetzt durch so eindeutig anmutende turbulente Willenskundgebungen ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit getreten sind. Es handelt sich nicht nur um die Generation, die der Krieg von der Schulbank ins Trommelfeuer riß und deren Leben seither unentrinnbar vom Fronterlebnis bestimmt wurde, sondern auch und vor allem um jene jüngere, deren Angehörige nichts dafür können, Kinder gewesen zu sein,als der Krieg ausbrach und ihnen Väter und Erzieher entriß, Jünglinge zu werden, als das Chaos der Inflation hereinbrach, Enterbte zu sein, als die Wirtschaftskrise hereinbrach, die eine ganze Jugend zur Arbeitslosigkeit verdammte, und endlich Betrogene zu bleiben in jenem Dritten Reich, an dessen Aufbau sie am tätigsten und leidenschaftlichsten teil hatten, nun wiederum wie ihre Vorgänger vor die Alternative gestellt, auf den Schlachtfeldern eines gnadenlosen Krieges zu sterben oder ein gigantisches Aufbauwerk innerer, wirtschaftlicher Konsolidierung zu leisten.
... die überragende Rolle [...] spielten jene jüngeren Kriegsteilnehmer, die, aus Elternhaus und Schule ohne Übergang in den Schützengraben kommandiert, heimgekehrt sich nicht mehr ins zivile Nachkriegsleben einordnen konnten, denen die Niederlage am Herzen fraß, die eine Sinnlosigkeit ihres begeisterten freiwilligen Einsatzes zu illustrieren drohte, die sie sich nie eingestehen wollten, da sie innerlich die Basis ihrer Existenz zerstört und die Ideale vernichtet hatte, denen sie sich verpflichtet sahen. Aus diesem Typus des jungen Kriegsteilnehmers entwickelte sich in der Nachkriegszeit die so bezeichnende Figur des ewigen Landsknechts und politischen Abenteurers, er stellte die Kader der illegalen Wehrverbände, der nationalen Freikorps, die heute im Baltikum, morgen in Oberschlesien, einmal in München,später im Ruhrgebiet kämpften, gleichviel, ob es sich um den äußeren oder den inneren Feind handelte. Dieser Typus war geprägt durch jene gefährliche Mischung aus Zynismus und Brutalität, die der Krieg ihn gelehrt hatte, und heroisch-romantischem Ehrgeiz, materiellem Interesse andrerseits im Sinne eines Weiterkommens und Weiterlebens auf Wegen außerhalb der zivilen Ordnungen, die ohnedies den Kriegsheimgekehrten nur wenig Arbeitsmöglichkeiten und Wirkungsgebiete bereithielt. Zu dieser Generation, wenn auch schon zu ihren gereifteren Jahrgängen, gehört Hitler. Er verstand ihre Sprache, ihre Mentalität und Haltung, und er wußte, welche Explosivkraft ihr innewohnte, welch wichtiges Material im politischen, auf brutale Machteroberung eingestellten Tageskampf sie darstellte, die aus einer Vergangenheit gerissen war, der Gegenwart nicht verpflichtet, sondern meist in Ablehnung und Haß gegenüberstehend.
... und gerade das nationalsozialistische Programm wirkte tatsächlich wie eine geniale Patentlösung, weil es - dem Dichterwort Rechnung tragend, daß "wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen" - allen etwas versprach, und zwar anscheinend auch die miteinander unvereinbarsten Wirtschaftsverheißungen: den Mietern niedrigere Mieten, den Hausbesitzern höhere Mieteinnahmen, dem kleinen Bauern Land und niedrige Futterpreise, dem Großagrarier Schutzzoll und höhere Inlandspreise, den Arbeitern höhere Löhne, dem Unternehmer höhere Profite, den Schuldnern Brechung der Zinsknechtschaft, den Gläubigern die Unantastbarkeit ihrer Forderungen, dem Inland Aufrüstung, dem Ausland Frieden, den kapitalistischen Geldgebern der Partei ein beschwichtigendes Augenzwinkern, daß alles nicht so revolutionär gemeint sei, den hungernden, erregten Massen die fanatischsten, revolutionärsten Worte.
Die Sozialdemokratie als Partei des Kompromisses, als Partei der Erfüllungs- und Tolerierungspolitik, was ihr von rechts den Zuruf »Landesverräter« und von links den Zuruf »Klassenverräter« eintrug, diese Sozialdemokratie konnte die Hingabebereitschaft und den natürlichen Kampfeseifer der Jugend nicht mehr entflammen, die nicht einsah, weshalb die Gegenwart verteidigungswert war und welche Zukunft es mit dieser Partei noch zu erobern gab. Denn die Kampfparole "Freiheit", die die Sozialdemokratie in der Minute letzter Bedrohung ausgab, mußte den jungen Arbeitslosen nichtssagend erscheinen, denn diese "Freiheit", die ihnen die Republik gab, war ein sehr platonischer Wert, war eine gegenstandslose Phrase angesichts einer Wirklichkeit, die von wirtschaftlicher Unfreiheit, wirtschaftlicher Abhängigkeit und wirtschaftlicher Gebundenheit bestimmt war.
Keine Partei hat tiefer die politische Funktion und die Mentalität der Jugend verkannt. Als die politische und wirtschaftliche Lage Deutschlands nur noch durch die radikalsten Maßnahmen zu beschwören war, erklärte die Sozialdemokratie mit lehrhaft erhobenem Finger, daß nach der marxistischen Doktrin alles genauso kommen mußte, wie es in Deutschland gekommen war.
Aus dem Vorwort zur deutschen Erstausgabe
"Ce livre, qui ne peut pénétrer en Allemagne...", wie Ernst Erich Noth 1934 in La Tragédie de la Jeunesse allemande schrieb, ist nunmehr ein gutes halbes Jahrhundert nach dem Niedergang des Nationalsozialismus mit dieser Ausgabe nach Deutschland gedrungen. Der Essay "Die Tragödie der deutschen Jugend" ist erstmals im Juni 1934 unter dem Titel La Tragédie de la Jeunesse allemande in einer französischen Übersetzung bei Grasset in Paris erschienen, und war für ein französisches Publikum geschrieben, das beunruhigt auf die Entwicklungen in Deutschland seit dem 30. Januar 1933 schaute und dem erklärt werden sollte, wieso die deutsche Jugend, die sich im Jahre 1913 auf der Kundgebung des "Hohen Meißner" zu hohen freiheitlichen Idealen verpflichtete, heute gleichgeschaltet in den Sturmtruppen ihres Führers Adolf Hitler marschiert, den sie zur Macht getragen hat.
Der Essay schildert Weg und Schicksal der deutschen Jugend von den Anfängen der Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Frühsommer des Jahres 1934. Die Darstellung führt über die Kundgebung auf dem "Hohen Meißner" im Jahre 1913 und über den Krieg in einen deutschen Zeitabschnitt, der geprägt war vom sozialen und wirtschaftlichen Elend der Nachkriegszeit, von Inflation und Wirtschaftskrise und erwächst zu einem erschütternden Bericht über eine von Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit zerrüttete Jugend, die mit zunehmender Radikalisierung die Aufnahme in den Kampfbünden und Parteien suchte, die ein besseres Leben versprachen. Ernst Erich Noth geht dabei insbesondere den Fragen nach: was die jungen Menschen gerade zu Hitler und in die SA getrieben hat, warum die Sozialdemokratie versagte und warum die Weimarer Republik ihre Jugend den radikalen Kräften des Landes überließ. Die Darlegungen im Schlußkapitel "Nationalismus oder Sozialismus?" spiegeln die Stimmungslage im Frühsommer 1934 wider, wo eine beunruhigende Atmosphäre sich breit gemacht hat: Hitler hat bisher nur mit Worten überzeugt, konservative Kreise um den greisen Reichspräsidenten v. Hindenburg wollen die Monarchie einführen, Teile der SA opponieren gegen Hitler aufgrund der nichteingelösten sozialistischen Versprechen, Gerüchte über die Auflösung der SA gehen um. Aus diesen Strömungen und den Affekten der zur Aktion drängenden Gruppen leitet der Autor Prognosen zur politischen Entwicklung in Deutschland ab, die wenige Tage nach Erscheinen des Essays Ende Juni 1934 tatsächlich eintrafen.
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